Kammerspiele in der Josefstadt: "Letzte Runde" von Peter Danish
Untertitel: Bernstein und Karajan im Hotel Sacher

Deutsch von Gil Mehmert
Inszenierung; Guy Ben-Aharon
Bühne: Cristina Todesco
Kostüm: Charles Schoonmaker
Ein Aufatmen geht durch die treuen Josefstadtbesucher: Es ist noch nicht alles verloren. Dieses Stück gibt Hoffnung, dass es in der neuen Ära neben Klamauk (Schnitzler, Komödie der Verführung, Shakespeare, Romeo und Julia) auch gute, handwerklich ehrliche Aufführungen geben wird. Wie zum Beispiel diese.
Was braucht es für einen gelungenen Theaterabend? Ein gescheites Stück, eine kluge Regie, ein passendes Bühnenbild und gute, nein exzellente Schauspieler, wofür ja die Josefstadt bekannt war und hoffentlich weiter sein wird.
Guy Ben-Aharons Wahl der Schauspieler ist weise: Männer spielen Männer, und nicht, wie es jetzt auf vielen Bühnen Mode ist: Frauen spielen Männerrollen und umgekehrt.
Karajan und Bernstein, die beiden Musikgrößen der 2. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, treffen zufällig in Wien in der Sacher Bar ( realistisch nachgebautes Bühnenbild) aufeinander.
Michael Dangl ist Karajan, wie er seinen Fans in Erinnerung ist: Rollkragenpullover, ein zweiter Pullover als Schal um den Hals geschlungen. Elegant, sehr kontrolliert. Eitel, hochnäsig und auf Grund seines Rückenleidens etwas steif. Günter Franzmeier - ganz das Gegenteil: kettenrauchend, Whisky trinkend, sehr umgänglich, menschenfreundlich. Ist sofort mit dem Kellner (eine gute Mischung aus devot und humorvoll: Alexander Strömer) auf freundschaftlichem Fuß.
Vielleicht haben sich die beiden, die sich im realen Leben tunlichst aus dem Weg gingen, ja wirklich 1988 im Sacher getroffen. Wenn ja, dann höchstens auf einen kurzen Small Talk. Autor Peter Danish lässt sie in seinem Stück ungebremst aufeinander prallen: Dass sie sich nicht mögen, ist eine Untertreibung. Karajan verachtet Bernstein als einen Allroundler, der auf jeder musikalischen Suppe schwimmt. Bernstein weiß sich zu wehren: Warum Karajan zum 163. Mal immer wieder dieselbe Symphonie Brahms dirigiere? Wenn alle Aufnahmen gleich klingen? Das sitzt.
Die Arena ist für einen klugen, sehr scharfzüngigen Schlagabtausch eröffnet. Die beiden schenken sich nichts. Zunächst streiten sie darum, wer die gröberen Gesundheitsprobleme hat - Karajan mit seinem Rückenleiden oder Bernstein mit seiner Blase. Sehr bald wird der Streit um musikalische Grundfragen erweitert: Ist Dirigieren schöpferisch? Was wiegt mehr? Dirigieren oder Komponieren? Karajan spottet über Bernsteins Hang zur leichten Muse des Musicals und wirft ihm vor, Gustav Mahler zu verkitschen. Dann kommt das Unvermeidliche: Die Nazikeule und die Judenverunglimpfung! Wäre nicht der Kellner dazwischen gekommen, hätten sich beide in die Haare gekriegt. Dennoch bleibt ein Rest von gegenseitigem Respekt, der sie am Schluss zu gemeinsamen Musizieren eint. Zu dritt singen sie Songs aus der "Westside Story". Wenn die Geschichte nicht wahr ist, so ist so nahe an der Wahrheit, dass Realität und Erfindung ineinander gleiten. Jubel für Michael Dangl, Günter Franzmeier und Alexander Strömer.


