Theater in der Josefstadt: Arthur Schnitzler, Komödie der Verführung
Regie: Ildikó Gáspár. Bühne: Lili Izsak. Kostüme:Luca Szabados. Live Musik: Flora Lili Matisz. Live-Video: Balázs Domokos.
Textfassung: Ildikó Gáspár

Selbst Arthur Schnitzler war mit diesem Stück nicht recht zufrieden. Ursprünglich war es eine Novelle. Ab 1904 versuchte er immer wieder ein Drama daraus zu machen. Als es 1924 dann uraufgeführt wurde, kritisierten Kollegen wie Musil und Kafka Sprache, Form und mangelnde Spannung.
Sie hatten ja so recht! Warum dann die neue Intendantin Marie Rötzer gerade dieses Problemstück als erste Première einsetzte, ist nicht nachzuvollziehen, Man kann nur hoffen, dass diese "Komödie"nicht auf kommende (traurige) Zeiten in der Josefstadt hinweist.
Der Inhalt sei hier nicht erzählt, weil er viel zu verwirrend ist. Es geht um Betäubung: Die Gesellschaft knapp vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges will sich amüsieren, vergessen. Liebe ist Amüsment, Abwechslung und gilt nur für den Moment. Tratsch, Klatsch. Intrigen köcheln am Dauerfeuer. Dahinter aber lauert der Krieg. Na ja, klar ist das unsere Zeit. Aber so undelikat, unsensibel wie diese Aufführung sich gibt, so plakativ und simpel und über lange Stücke klischeehaft, da bleibt die mahnende Wirkung aus. Aus der Mahnung wird Langeweile, Desinteresse.
Der Beginn verrät, wo es lang gehen wird. Die Figuren des Dramas taumeln verloren über die leere Bühne, bis Prinz Arduin (Johannes Zirner) den Soundcheck macht. Da merkt man schon an den sinnlosen Meldungen - Grunzlaute und Ähnliches -, wohin die Regie tendiert: Varieté, Clownerie, um Lac her einzufordern. Aber diese Schiene hat man auf vielen Bühnen schon zum Überdruss gesehen. Daher bleibt das Publikum reaktionslos. Selbst die zahlreichen Schüler, die die Leerstellen im Auditorium füllen sollen, finden das nicht lustig. (Pausenmeldungen von einigen: "Ich fühle mich vera...")
Nach den Grunzlauten folgt die Vorstellung der vielen Mitspieler. Man hat ja noch keine Ahnung, wer mit wem, wo, wie lange sich liieren, trennen, streiten wird. Also ist die Aufzählung wirkungslos. Im Laufe des Abends wird man immer wieder Mühe haben, die verschiedenen Damen auseinanderzuhalten. Denn alle haben irgendwas mit dem Max am Köcheln. Nils Arztmann hat in dieser Rolle als Dauerbrenner-Gigolo viel zu tun:
Die eine hatte einmal was mit ihm, die andere will etwas von ihm, die dritte will er rumkriegen. Ganz schön verwirrend. Arztmann als umtriebiger Max und Verschnitt von Anatol +Max aus dem gleichnamigen Stück, macht seine Sache ordentlich, ist aber alles andere als ein Erotikheld. Denn Erotik kommt in dieser Inszenierung nicht vor. Ist einfach chancenlos. Daher verbröselt die Rolle des Max in Klamaukszenen.
Im ersten Teil wird viel gelaufen - durch die Gänge des Theaters, zwischen den Reihen des Publikums. Per Video wird die Realität (Spiel im Theaterfoyer) in die Irrealität des Videos gebeamt. Mühevoll für das Publikum, das sich dauernd den Hals verdrehen muss.
Dieses Umgetriebe war wohl der Regisseurin noch zu wenig turbulent. Deshalb mischte sie noch Operettenmusik dazu - passend aus der Zeit.
Nach der Pause - nicht wenige haben das Theater verlassen - wird es bierernst. Die ganze Gesellschaft aus dem ersten Akt samt Prinz und Prinzenjacht finden sich per Zufall hoch im Norden an der dänischen Küste zusammen. Die Kriegsschatten lassen sich nicht mehr wegtanzen. Wer will auf der Prinzenjacht dem Kreig entkommen? So recht hat niemand Lust - eher zu einem spektakulären Selbstmord, der dann wie ein schlechter Witz wirkt.
Alles nur ein schlechter Witz?
Die Schauspieler geben ihr Bestes, spielen alle Peinlichkeiten routiniert mit: Nils Arztmann ist ein Jungspund mit bemühtem Charme. Joseph Lorenz muss einen müden Philosophen mimen, der die längsten Klischeephrasen im ganzen Stück mit triefender Bedeutungsschwere zu sagen hat. Das tut er, wie immer, mit Bravour. Johannes Zirner funktioniert gut als aalglatter Prinz, Ulli Maier als aalglatte Fürstin. Roman Schmelzer darf im Varietéoutfit mit Strapsen als Conférencier durch das Stück führen. Silvia Meisterle ist eine herbe, exaltierte Aurelie. Exaltiert sind auch alle andern Frauen - daher nicht leicht voneinander zu unterscheiden: Michaela Klimminger als Elisabeth, Johanna Mahaffy als überdrehte Judith, weiters noch in schrägen Frauenrollen: Susa Meeyer alsJulia, Lili Wunderlich als Seraphine.
Wie immer schießt Robert Joseph Bartl mit seinem Talent für tragischen Humor als irrlichtender Hoteldirektor den Vogel ab. Aber selbst diesem Urkomiker fällt es schwer, in dieser Rolle wirken zu können. Zu überzeichnet sind sie alle, überladen mit Versatzstücken aus der Schachtel Varieté, absurdem Theater, abgedrochenem Videospielen. Da konnte nichts glänzen, nichts überzeugen.


