Maria Lazar: Der blinde Passagier. Landestheater Niederösterreich
- Silvia Matras
- vor 1 Stunde
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Österreichische Erstaufführung.
Inszenierung: Mira Stadler, Bühne: Mira König.
Kostüme: Maria-Lena Poindl

"Der Text ist so stark, dass die Regisseurin ihn mit keinen zusätzlichen "Einfällen" verzerren wollte", berichtete der Dramaturg Thorben Meißner in der Stückeinführung.
Erleichterung beim theatererfahrenen Publikum!
Und so war es auch: Der Text geht unter die Haut und braucht nichts anderes als Schauspieler, die sich der gewaltigen Wirkung der Worte bewusst sind und sich in Bescheidenheit ihnen unter- oder einordnen. Und das Publikum konnte sich rein auf das Geschehen, das gesprochene Wort konzentrieren, ohne , wie so oft, überlegen zu müssen, was diverse Zusatzeinfälle bedeuten sollten.
Ein dänisches Postschiff verkehrt gegen Ende der 30er Jahre zwischen Dänemark und einem deutschen Hafen. Nun liegt es im deutschen Hafen. Der Kapitän, dessen Tochter und ihr zukünftiger Verlobter sind an Land gegangen. Zurück bleibt der Sohn Carl. Aus dem dunklen Meerwasser schwimmt ein Mensch mit letzter Kraft auf das Schiff zu. Carl holt ihn an Bord und versteckt ihn. Doch lange bleibt der blinde Passagier nicht unentdeckt. Als er sich als jüdischer Arzt zu erkennen gibt, der von den Nazis verfolgt und ohne Papiere aus dem Land vertrieben von Carl gerettet wurde, bricht eine heftige Diskussion aus. Jeder der Beteiligten hat eine (für die damalige Zeit und wahrscheinlich auch für heute) exemplarische Meinung: Der Kapitän , als Verantwortlicher für Schiff und Besatzung, will ihn bis Dänemark mitnehmen, aber dort der Polizei übergeben. Carl, der ihn gerettet hat, weiß um die Gefahr, die dem Mann ohne Papiere in Dänemark droht: Er wird nach Deutschland zurückgeschickt. Nina, die Tochter des Kapitäns, will ihn in Dänemark in ihrer Familie aufnehmen. Die Diskussion artet aus...das Ende ist eine erwartbare Katastrophe.
Das Ensemble spielt unaufgeregt, deshalb umso wirksamer, diesen scheinbaren "Alltagstext", der jedoch unglaubliche Sprengkraft hat. Denn einen Juden auf dem Boot zu verstecken, war auch für Dänen nicht ungefährlich, stand doch die Besetzung Dänemarks von deutschen Truppen unmittelbar bevor. Klarsichtig skizziert Maria Lazar in jeder einzelnen Person die möglichen Handlungsvorschläge: Nina will ihn retten, weil sie sich in ihn verliebt hat, Carl rettet ihn, weil er es für seine Menschenpflicht hält und nicht zum Mörder werden will. Jörgen möchte ihn so schnell wie möglich los werden. "Er geht uns nichts an", meint er kalt. Er hat Angst vor den Konsequenzen. Wir im Publikum stellen uns die Frage: Wie hätten wir gehandelt?
Nicht jeder ist zum Held geboren, wie Carl. Sich hinter dem Gesetz zu verschanzen, wie der Kapitän es tut, ist auch keine Lösung. Für Hartmann gibt es keine Lösung und das weiß er.
Gebannt verfolgt man das Geschehen, ist mitten drin. Das Bühnenbild von Mira König ist realitätsnah: Ein Steg und schwankende Planken, umhüllt von Nebel, der aus dem (unsichtbar) drohend -dunklen Meer aufsteigt, verdichtet die geladene Atmosphäre, in der die Menschen agieren und reagieren: Wolfram Rupperti ist ein sympathischer, ruhiger Kapitän, der sein Boot, die Arbeit liebt und sich für die Crew verantwortlich fühlt. Man kann seiner Argumentation folgen. Sein Sohn Carl (Tobias Artner) ist verschlossen, schweigsam. Er hilft, ohne viel zu reden. Sein Selbstmord erschüttert. Laura Laufenberg hat die schwierige Rolle der Naiven, Blauäugigen: Sie setzt sich für die Rettung des Passagieres ein, weil sie sich in ihn - oder besser gesagt in sein tragisches Schicksal verliebt hat. Und gefällt sich als Heldin. Auch nachvollziebar. Der aus Selbsterhaltungstrieb argumentierende Jörgen (Julian Tzschenke ) möchte den Fremden gleich wieder nach Deutschland zurückschicken. Er hat Angst und ist eifersüchtig - menschlich. Und Hartmann, der Fremde (Lukas Walcher) weiß um seine ausweglose Lage. Er ist kein demütig um Hilfe Bittender. Als er erkennt, dass Rettung und Zukunft für ihn unmöglich sind, geht er still in den Tod. Seine ruhige Ergebenheit erschüttert.
Maria Lazar wurde 1885 in Wien als Kind einer jüdischen Familie geboren, emigrierte 1933 nach Dänemark, wo sie dieses Stück gegen Ende der 30er Jahre schrieb. Damals wusste sie, die ruhigen Tage in diesem Land sind für sie als Jüdin vorbei. Sie machte sich auf nach Schweden, wo sie sich 1938 nach langer Krankheit das Leben nahm. Das Stück wurde zu ihren Lebzeiten nie aufgeführt. Erst kürzlich wurde es, wie viele ihrer Werke , im Nachlass gefunden.
Eine geradlinige Regie (Mira Stadler) und ein ebenso agierendes Ensemble machen diesen Abend zu einem starken Erlebnis!


