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Nirgendland, Hommage an Mascha Kaleko: Lesung Corinna Harfouch, Musik Etta Scollo Trio. Theater Akzent

  • Silvia Matras
  • vor 2 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit
Mascha Kaleko © Deutsches Literaturarchiv Marbach
Mascha Kaleko © Deutsches Literaturarchiv Marbach

Anlässlich des 50. Todestages der Dichterin Mascha Kaleko erschienen mehrere Biografien. Sie alle erzählen von einer lebensfrohen, klugen und quirligen Frau. Geboren wurde Mascha 1907 in Galizien. Da ihr Vater Jude war, flüchtete die Familie 1914 nach Deutschland. Nach einigen Versuchen, in verschiedenen Städten Fuß zu fassen, landete sie in Berlin. Mascha, die das Herumziehen satt hatte, freundete sich rasch mit der Atmosphäre der Stadt an und begann früh die ersten Gedichte zu schreiben. Immer war es ihr wichtig, das Leben der "kleinen Leute" zu beschreiben. Alltagsbeobachtungen verflocht sie humorvoll zu komödiantischen Kleinoden. Um die jüdische Tradiition, wie sie ihre Familie lebte, kümmerte sie sich nicht. Sie identifizierte sich nicht im Geringsten als Jüdin.

Bald schon betrat sie das berühmte "Romansiche Café" in Charlottenburg, zu dem nur ausgewiesene Künstler Zutritt hatten, und gab sich keck als Schriftstellerin aus. Mit ihrem Charme und Lebensoffenheit bezirzte sie bald Ringelnatz und andere Schriftsteller dieser Zeit. Als sie in diesen Kreisen aus ihren Gedichtheften vorlas, wurde der Verleger Rowohlt auf sie aufmerksam. Er gab ihre Gedichte unter dem Titel "Das lyrische Stenogrammheft" mit großem Erfolg heraus. Inzwischen hatte Mascha Kaleko - damals noch Mascha Engel - den jungen, schüchternen Hebräischprofessor Saul Kaleko, bei dem sie als Gasthörerin studierte, kennen und schätzen gelernt. Umsorgt und beeindruckt von seiner Liebe willigte sie in die Heirat ein. Das Haushaltsbudget besserte sie erfolgreich durch Kolumnen für große Zeitschriften, Texte für Kabarett und Werbung auf. Berlin lag ihr zu Füßen, das Leben war leicht. Bis 1933, als die ersten Bücherverbrennungen stattfanden und jüdische Freunde spurlos verschwanden. Sie blieb noch unter dem Radar der Nationalsozialisten, aber die Gefahr wuchs. In dieser Zeit hatte sie sich heftig in den Komponisten und Dirigenten Chemjo Vinaver verliebt. Zwei heftige, auf gleicher Hochflamme Glühende trafen aufeinander. Bald war sie schwanger, ließ sich von ihrem Mann scheiden. Obwohl die politische Situation in Deutschland immer gefährlicher wurde, blieb das Paar bis zur Geburt des Sohnes in Berlin. Nur widerwillig emigrierte die Familie in die USA. Wo beide nicht wirklich Fuß fassen konnten. Die Sehnsucht nach Berlin war zu groß. 1960 kehrte Mascha Kaleko (sie hatte den Namen ihres ersten Ehemannes behalten) allein nach Berlin zurück, um die Möglichkeit einer Rückkehr für sich und die Familie zu sondieren. Obwohl sie Briefen an Chemjo voller Scheinbegeisterung schrieb, entschieden sie sich gegen Berlin. 1978 starb ihr Sohn. 1973 ihr Mann. Sie selbst zwei Jahre später. Sie blieb bis zuletzt eine starke Frau, die Schicksalschläge ertrug, ihre Umgebung bis zuletzt mit ihrem klugen Urteil, ihrem bezauberndem Charme für sich einnahm.


Corinna Harfuch © Pascal Buenning und Etta Scollo © Lorenzo Huskamp


Von all dem bekam das Publikum an diesem Abend nichts mit. Etta Scollo sang Mascha Kalekos Gedichte, von ihr selbst vertont, auf Deutsch, Italienisch und vielleicht auf Jiddisch (oder Hebräisch?) - man verstand sehr wenig bis gar nichts. Hätte nicht Corinna Harfouch einige Gedichte gelesen, wäre ein Großteil des Publikums ziemlich ratlos heimgegangen., weil leider jegliche biografische Information fehlte.

Das Bild, das Etta Scollo und Corinna Harfouch von Mascha Kaleko vermittelten, war das einer zutiefst traurigen Frau, die nur melancholische Gedichte schrieb. Dass Mascha Kaleko tapfer, witzig, klug, kämpferisch war, ging verloren. Schade!


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