Philipp Hochmair: Werther. Theater Akzent
- Silvia Matras
- vor 19 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

Wenn Hochmair sich eines klassischen Textes annimmt, dann wird daraus ein Volksfest. Im ganz ursprünglichen Sinn: Ein Fest für das Volk= Publikum. Er weiß, was sein Publikum von ihm erwartet: klassischer Text - gut und schön. Aber bitte nicht altbacken runterlesen! Aktion und Spaß sollen sein - und das bietet Hochmair in Fülle und fast ohne Hülle.
Zunächst beginnt Hochmair ganz harmlos: Im braunen Jackett, zugeknöpft, setzt er sich an den Tisch und liest den Text. Oje, denkt so mancher - aber kurz darauf ist ihm selbst fad - er dekoriert die blumigen Naturschilderungen Goethes mit einem bunten Sommerblumenstrauß, den er per Videokamera auf die Leinwand wirft. Ein zahmer Beginn - ihm zu zahm. Also liest er den Nachfolgetext nicht weiter, sondern leiert nur die Zahl der Kapitel runter - ein Schmäh, den er oft verwendet und der immer Lacher evoziert. Irgendwann kommt Werther dann endlich zu Lotte. Da verändert sich die Temperatur seines Temperamentes - denn jetzt läuft Werther/Hochmair ja zum hochselbstverliebten Gockel - äh, nein zum schwer verliebten Werther auf. Dazu einmal Jackett aus, Cowboyhut auf - in Anspielung auf den berühmten Wertherhut. Charlotte muss her! Als nichtssagender Styroporkopf knallt er ihn auf die Videowall. Weil sie ihm in Distanz hält, stülpt er ihr ein Geschirr über das Haar - was sie zur blassen Nonne macht. Sie ist verlobt? Mit Albert? Wer ist Albert - unwichtig, diese Kapitel werden nur numeriert aufgezählt.
Dann zum Kern der Sache: Volle Häme auf das bürgerliche Ehebündnis zwischen Albert und Charlotte: Dafür braucht Hochmair zum allgemeinen Gaudium nur Gemüse, vor allem viel Salat. So kocht man in der bürgerlichen Küche eines Alberts oder einer Charlotte. Alles kleinhacken und schon fliegen die Gemüsereste über die Köpfe des Publikums hinweg und landen auf deren Haarschöpfen oder sonstwo. Der Höhepunkt der Narretei - Werther hat sich ja selbst zum Narren gemacht und Lotte seine Liebe eingestanden - : Abgang! Also geht Werther ab - durch die Mitte. Aus? Kurze Ratlosikeit beim Publikum, das diesen typisch Hochmairischen Gag noch nicht kennt - er kommt dreimal wieder!

Im zweiten Teil (ohne Pause) rast Werther/Hochmair auf sein Ende zu. Lichtblitze zucken, er rattert die Kapitelnummern herunter, deutet seine missglückte Karriere bei Hof an, und dann: Selbtmord -krass, da schenkt er dem Publikum nichts: Mit einer Dornenkrone oder Blumenkrone im Haar legt er den Revolver an die Schläfe. Im Großformat wird das Publikum Zeuge eines Schmerzes, eines Schreis, der Qual, wie sie Goethe Werther zugeschrieben hatte und wie aberhundert junge Menschen eben diesem Vorbild folgten und Selbstmord begingen. Ende? Noch nicht.
Aus Werther wird wieder der Spaßvogel Hochmair: Vor dem Vorhang klopft er sich nochmal einen Holzklotz in den Kopf. Komisch? Tragisch? Doppelbödig und aberwitzig wie der ganze Werther! Das Publikum tobt vor Begeisterung.
Dass er im Foyer wie ein Imperator auf einem Tisch stehend das Bad in der Menge genießt, Autogramme gibt und sich fotografieren lässt, ist auch typisch Hochmair. So mag man ihn eben - von nicht endenwollender Energie strotzend. Mit dem Schlachtruf "Wiedersehen in Salzburg" springt er vom Tisch runter und verschwindet ...
Dass Hochmair dringend seine Aussprache verbessern sollte, fiel auf, hat aber niemand sonderlich gestört - Werther ist noch immer Allgemeinwissen, da muss man den Text nicht so genau verstehen.


