top of page

Sasa Stanisic, Herkunft. Verlag Luchterhand

  • Silvia Matras
  • 7. Dez. 2019
  • 2 Min. Lesezeit

Sasa Stanisic wurde 1978 in Visegrad, damals Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina geboren. 1992 mussten seine Eltern und er bei Ausbruch des Jugoslawienkrieges auswandern. In dem Buch „Herkunft“ geht es tatsächlich um seine Wurzeln, das alte Dorf in den Bergen, das nur mehr zwölf Bewohner hat, um seine Großeltern, vor allem um seine Großmutter, die im Alter dement ist und in der Vergangenheit lebt. Doch es geht vor allem um ihn, den 14-jährigen Jungen, der sich als Migrant in Heidelberg zurecht finden muss.

Dass Sasa Stanisic auf Deutsch schreibt, ist seinem geduldigen Lehrer zu verdanken, der ihn ermunterte, Gedichte nicht nur in seiner Heimatsprache zu schreiben. Dass er mit der deutschen Sprache spielerisch, leichtfüßig, poetisch oder auch „cool“, ganz wie das Thema es braucht, umgehen kann, verdankt er aber vor allem seiner Offenheit gegenüber dem Leben als Migrant in Deutschland. Da ist kein Funken Wehleidigkeit zu spüren. Keine Klagen über die Schwierigkeiten, sich als „Fremder“, „Eingewandeter“ in der neuen Heimat zu behaupten. Eher Neugier und vor allem trotz der Schwierigkeiten Freude am Leben, am Lernen, Freude daran, Schwierigkeiten zu meistern. Auch keine Klagen darüber, dass seine Eltern als gut Ausgebildete in Deutschland nun weit unter ihrem Niveau sich als billige Lohnarbeiter verdingen. Das wird gesagt, aber ganz jammer- und vorwurfsfrei.

Das Wertvollste an diesem Buch aber ist: Seine Versöhnungsmacht. Da wird nicht von den „machtgierigen Serben“ oder den „bösen Kroaten“ geredet. Auch kein „Gutmenschgerede“ von Verzeihen. Sondern Sasa Stanisic zeigt den einzig möglichen Weg auf, den Hass zwischen den Menschen zu begraben: Hingehen, anschauen, wo die Wurzeln sind, daraufkommen, dass Serben, Kroaten und Bosniaken alle einmal nebeneinander exisitieren konnten, ohne sich die Schädel einzuschlagen und die Dörfer niederzubrennen. Nach dem Erinnern kommt nicht die große, pathetische Versöhnungsgeste oder ein Humanitätsgelaber, sondern der Imperativ: Lebe das Leben, so gut du kannst und bleibe offen und neugierig.

Sasa Stanisic. Foto: Katja Sämann

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Michael Maar, Das violette Hündchen.

Untertitel: Große Literatur im Detail. Rowohlt Verlag Für Leseratten ein wichtiges Buch, besonders für "Buchfresser". Denn Michael Maar zeigt uns, wo wir, die Gemeinschaft der Buchfresser, oft vorbeil

 
 
Christoph Poschenrieder, Fräulein Hedwig. Diogenes

Fräulein Hedwig ist kein Roman, obwohl der Verlag ihn als solchen ausweist. Nüchtern, sehr präzise, fast in Listenform, sehr viel in authentischen Briefen, oft mit banalem Inhalt, referiert der Auto

 
 
bottom of page