Wiener Staatsballett: Giselle
- Silvia Matras
- vor 3 Tagen
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Libretto: Théophile Gautier und andere nach Heinrich Heine.
Musik: Adolphe Adam.Musikalische Leitung: Luciano di Martino.
Bühne: Ingolf Bruun. Kostüme: Clarisse Praun- Maylunas.
Choreographie und Inszenierung: Elena Tschernischova.
Coaching: Julio Bocca, Alessandra Ferri
Ein atemberaubender Ballettabend! Es spielte alles perfekt zusammen: Das grau-braun gehaltene Bühnenbild (Ingolf Bruun) passt zur Geschichte einer romantischen Liebe über den Tod hinaus. Ebenso die Kostüme: Keine bunten Bauern, sondern erdverhaftete Menschen, die sich von Giselles Tanzlust angesteckt, zu einem Fest zusammenfinden (C. Praun-Maylunas).
Die Choreographie von Elena Tschernischova (nach Jean Coralli, Jules Perrot, Marius Petipa) setzt den Akzent auf Menschen, Menschen, die sich verlieben, die leiden, die vom Tod hinweggefegt werden. Tiefe Gefühle, die ganz ohne Pathos , aber mit dem Einsatz von dezenter Pantomime und dem nötigen Gespür für die große Geste Liebe, Eifersucht, Verrat und Tod transportieren.
"Giselle" zählt zu den wichtigsten klassischen Balletten. Von der Rolle der Giselle träumen wohl alle Tänzerinnen. Weil Alessandra Ferri in dieser Rolle oftmals brillierte - auch unter der Regie von Tschernischova - ist sie mit der Choreographie bestens vertraut. Da trifft es sich gut, dass sie und ihr damaliger Tanzpartner Juliio Bocca das Wiener Staatsballett coachen. Was man als Zuseher durchaus in den einzelnen Gesten herauslesen kann.
Den großen Erfolg verdankt die Aufführung natürlich dem Ensemble. Allen voran der Tänzerin Laura Fernandez Gromova in der Rolle der Giselle. Sie verließ Rußland 2022 aufgrund der politischen Lage, tanzte bis 2024 in Tiflis und seit 2025 als Erste Solotänzerin an der Wiener Staatsoper.
Hervorragend meistert sie den Rollenwechsel vom schwärmerischen Mädchen, das sich in Herzog Albrecht verliebt, zur reifen Frau, die noch im Tod um das Leben des Geliebten kämpft und sich opfert. Im ersten Akt ist sie ein Mädchen, das tanznärrisch und schwer verliebt ist. Ihre Sprünge sind kindlich leicht. ihre Gestik noch die eines verspielten Mädchens, das an die unbedingte Treue ihres Geliebten glaubt und daher umso härter getroffen wird, als dieser sich feig und verlegen von ihr abwendet.

Umso erstaunlicher ist ihr Wandel zur reifen Frau, die als Untote von dem tiefen Gefühl zu Albrecht gelenkt, ihn vor der Macht Myrthas, der Königin der Wilis, rettet und sich selbt opfert. Ihr großes Solo ist geprägt von extremer Langsamkeit, schwer sind die Glieder,. alles an ihr ist unwirklich, träumerisches Todeswissen.
Antonio Casalinho, ein junger Herzog Albrecht, wie aus einem Märchenbuch ausgeschnitten, ist ihr perfekter Partner. Dem 23 Jahre jungen Tänzer aus Portugal glaubt man im ersten Akt den sorglosen, mit der Liebe spielenden Jungspund. Auch er wandelt sich im zweiten Akt zu einem Wissenden, gereift durch die Todeserfahrung. Im Pas de deux mit Giselle wird er der Liebende, der er im wahren Leben nie war. Seine Gesten sind zwar träumerisch, aber im Solo explodiert seine Kraft in Sprüngen und Pirouetten. Da zeigt er, warum er in so jungen Jahren zum Ersten Solotänzer avancierte.

Zu einem überzeugenden Liebesszenario gehört auch ein eifersüchtiger Gegenspieler. Diese Rolle füllt der aus Brindisi stammende 25 Jahr junge Alessandro Cavallo perfekt aus. Ein kraftvoller Tänzer, der Zorn, aber auch verletzte Liebe tanzt und mit seiner Bühnenpräsenz aus der Nebenrolle des Wildhüters Hilarion einen Hauptakteur gestaltet.
Eindrucksvoll ist sein wildes Solo mitten in der Schar der Wilis, die ihn zu Tode hetzen. Solch kraftvolle Sprünge, locker und scheinbar anstrengungslos getanzt, sah man zuletzt bei Brendan Saye, der 2025 leider das Wiener Ensemble verlassen hatte.
Zu diesem jungen, voll Temperament sprühenden Trio bildet der Tanz der Wilis, jener aus Liebeskummer früh verstorbenen Bräute, den gewollten Kontrast. Angeführt von ihrer strengen Königen (Rosa Pierro) haben sie keine Sehnsucht nach Leben mehr. Sie sind Tote. In einer langen Reihe tanzen sie in Querformation langsam über die Bühne, bis sie dann, wild geworden, sich auf Hilarion stürzen, ihn einkreisen und zu Tode jagen.
Unter dem einfühlsamen Dirigat von Luciano Di Martino präsentiert sich ein Ballettabend von allerhöchster tänzerischer und schausspielerischer (!) Qualität!


