Styne-Laurents-Sondheim: Gipsy. Volksoper

Was kann man anderes über diese Aufführung sagen als: GROSSARTIG! Unter der intelligenten Regie von Werner Sobotka wirbelt ein exzellentes Ensemble in witzigen Kostümen (Elisabeth Gressel) über eine schlichte, aber passend eingerichtete Bühne (Stephan Prattes). Die Musik von Jule Styne ist mitreißend, leider sehr oft von Lorenz Aichner zu laut dirigiert, so dass Maria Happel in ihren Soli die Stirnadern hervortreten und der Schweiß in Strömen rinnt. So sehr muss sie sich plagen, um das Orchester der Volksoper Wien zu übertönen. Dennoch: Maria Happel ist das Zugpferd des ganzen Ensembles, das durch die Bank perfekt besetzt ist.

Rose (Maria Happel) ist eine ehrgeizige Mutter, die ihre beiden Töchter Louise und June zunächst als Kinderstars groß herausbringen will. Livia Ernst als Baby June singt und tanzt wie eine Große, Sophie-Maria Hoffmann spielt gut Baby Louise, die im Schatten ihrer Schwester steht. Doch aus den Babys werden junge Damen, eine neue Show muss her. Verzweifelt reist die Gruppe wie die „Zigeuner“ ( „Gipsy“) von Stadt zu Stadt zu diversen Castings, begleitet vom getreuen Agenten Herbie (großartig Toni Slama), bis schließlich June (als Erwachsene: Marianne Curn) die Truppe verlässt und heiratet. Nun „managt“ Rose ihre unbegabte Tochter Louse (sensibel und beeindruckend : Lisa Habermann). Wenn Rose ihren Song anhebt: „Ich hatte einen Traum“, dann erinnert man sich an den Mann von La Mancha. Beide Figuren verbindet die Verweigerung der REalität und das unbeirrbare Festhalten an einem Traum. Auch musikalisch fühlt man sich an dieses wunderbare Musical aus den 60er Jahren erinnert.

Werner Sobotka gelingt es, einen feinsinnigen Abend auf die Bühne zu bringen, in dem er die Doppelbödigkeit des Stückes zelebriert: Einerseits gibt es Lachnummern zum Brüllen – etwa den Tanz mit der Kuh. Zugleich aber spürt man dahinter die ganze Tragik eines missglückten Kunst- und Lebenskonzeptes und die brutale Härte im Showbusiness.  Über den manischen Hang der amerikanischen Tanzszene zum Kitsch darf ausgiebig geschmunzeltt werden.  Sobotka scheut sich auch nicht, wirklich berührende Szenen bis an die Grenze ausspielen zu lassen, ohne dass es je peinlich wird. Etwa in der Tanzszene zwischen Tulsa (Peter Lesiak) und Louise: Tulsa studiert eine eigene Nummer ein, tanzt auch die fehlende Figur der Frau, merkt nicht, wie sehr Louise diese Partnerin sein möchte. Louises Figur ist neben Rose die zweite großartige Frauenfigur: Vom unbegabten Entlein steigt sie zum erfolgreichen Striptease-Star auf. Die Wandlung gelingt Lisa Habermann mehr als überzeugend. Zum Intensivsten gehören die Szenen zwischen Herbie und Rose: Er liebt sie, hält treu zu ihr und unterstützt ihren „Traum“ so lange, bis sie Louise zwingt, als Stripperin aufzutreten und  ihn im Hochzeitsanzug und mit dem Brautstrauß in der Hand – Rose hat endlich in die Heirat mit ihm eingewilligt – brutal stehen lässt. Die Abschiedsszene gehört ebenfalls zu den berührender Glanzszenen dieser überaus gelungenen Inszenierung. Am Schluss steht Rose in einem schäbigen Mantel vor den Trümmern ihres eigenen Traumes: Was sie von ihren beiden Töchtern abverlangte, nämlich Stars zu werden, war eigentlich ihr Wunsch seit Kindheit an. In verzweifelter Irrealität sieht sie sich am Ende als zukünftigen Star.

Begeisterter Applaus und Bravorufe!

Spielplan und Infos: ww.volksoper.at

Das Pittsburgh Symphony Orchestra und Matthias Goerne in Grafenegg (31.August 2017)

Wieder einmal hat der Wettergott dreingepfuscht, und das Konzert musste vom Wolkenturm ins Auditorium verlegt werden. Wahrscheinlich hatten die  Musiker des Pittsburgh Orchesters und der Dirigent Manfred Honeck sich auf die Akustik des Wolkenturms eingestellt, wo ja so richtig auf die Pauke gehaut werden darf, ohne dass Wände und Ohren bersten. Das Auditorium hingegen fasst wahrscheinlich ein viel geringeres Klangvolumen. Anders ist nicht zu erklären, dass die „Rusalka Fantasy“ von Anton Dvorak, zusammengestellt und bearbeitet vom Dirigenten Manfred Honeck, so überlaut daherkam. Man hatte den Eindruck, einen Hollywood-Dvorak zu hören. Als hätte der Komponist  für einen Rusalkafilm die Musik geschrieben. So laut, so wuchtig und plakativ wurde gespielt und dirigiert. Erst „Rusalkas Lied an den Mond“, zart und innig von einer Solovioline gespielt, konnte mich versöhnen.

Danach Matthias Goerne, dessen „Winterreise“ mit Markus Hinterhäuser am Klavier legendär geworden ist, trotz der (für mich) so störenden Videos von William Kentridge. Ich möchte dazu ein Zitat aus dem Grafenegger Programmheft anführen: „Mahler bezeichnete es als Barbarei, wenn Musiker vollendet schöne Gedichte in Musik setzen. Das sei für ihn, als ob eine meisterhaft gemeißelte Marmorstatue nachträglich von einem Maler mit Farbe übertüncht würde.“ Im Falle der Winterreise wirkten die Videos wie eine Übertünchung. In Salzburg nochmals ein ähnliches Schicksal: Büchners verstörendes Drama „Wozzeck“ und die wuchtige Musik von Alban Berg waren offenbar den Verantwortlichen nicht wirksam genug – es musste wieder Kentridge her, der die Bühne mit seinen Videos zumüllte.   Aber zurück nach Grafenegg:

Diesmal also Goerne ohne Kentridge. Nur mit dem Pittsburh Orchestra unter Manfred Honeck. Orchester und Dirigent waren nicht wiederzuerkennen. Sie wirkten wie ausgewechselt und erwiesen sich als die idealen Partner für Goernes intensive Interpretation der Mahler Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“. Goerne ist ein Sänger, der den von ihm ausgewählten Liedern auf den tiefsten Grund geht und dabei sich selbst nicht schont, seine Seele und seinen Körper in die Musik einflicht bis zur existentiellen Selbstentblößung. Das kann für die Zuhörer oft hart werden. „Ich zieh‘ in Krieg auf grüner Haid, die grüne Haid die ist so weit. Allwo dort die schönen Trompeten blasen, da ist mein Haus von grünem Rasen“- da wird aus dem zarten Liebeswerber ein Todgeweihter. Das Todesmotiv herrscht vor, schaurig im Lied „Das irdische Leben“: Das Kind verhungert, die Not ist zu groß. An die Grenze irdischer Existenz treibt Goerne sich und uns im LIed „Urlicht“. Die ganze Tiefe seines Baritons legt Goerne in die letzten beiden Lieder „Revelge“ und „Der Tamboursg’sell“. Wenn er die Sterbensworte des Tambourgesellen im Raum verklingen lässt, dann herrscht atemlose Stille im Publikum und auf dem Podium. Goernes Gesangskunst ist existentiell.

Es werden mir hoffentlich alle verzeihen, wenn mir für Beethovens 7. Symphonie, die nach der Pause folgte, die Lobesworte fehlen, ich habe sie alle für Goerne aufgebraucht.

Nurejew-Gala 2017. Wiener Staatsoper

Ein rauschendes Fest für Augen und Ohren! Manuel Legris ließ seine „Puppen tanzen“ – und wie! Nach einer eher einschläfernden Introduktion aus Dornröschen ging es in ein „Solo“, das von Kimoto, Szabo und Wielick mit Höllentempo nach Musik von Bach hingetanzt wurde. Man war wach – und das war gut so, denn schon folgte einer der Höhepunkte des Abends: Maria Shirinkina und Vladimir Shklyarow tanzten das Adagio aus „Spartacus“. Nach der intensiven Musik von Chatschaturjan und der Choreographie von Juri Grigorowitsch verschmolzen die beiden in einem innigen-tragischen Liebestanz. Für sie galt kein Gesetz der Schwerkraft, die Liebe trug sie hinweg über das  Leid, der Tanz erlöste sie aus den Qualen alles Irdischen. Selten war ein Paar so aufeinander eingestimmt, es war ein pas de deux der zum Solo für zwei Körper wurde. Beide hatten diese Rollen schon erfolgreich an der Bayrischen Staatsoper getanzt. Berührend war die schlichte Choreographie von John Neumeier. Zur Musik von Bach sang Margaret Plummer ein inniges „Miserere“, es tanzten Nina Tonoli und Jakob Feyferlik. Überschattet wurde die glanzvolle Gala durch den Unfall vonDavide Dato – er stürzte und wurde mit einer schweren Knieverletzung ins Spital gebracht.

IM zweiten Teil sah man Ausschnitte aus „La Bajadère“ (Musik: Marius Minkus). Es gab wohl niemand im Publikum, der von dieser traumhaften Inszenierung nicht begeistert war. So manch einer wünschte, die Wiener Staatsoper würde dieses Ballett wieder einmal komplett auffühen. Wenn Vladimir Shklyraov mit Liudmila Konovalova den Liebestanz im Reich der Schatten tanzt, dann ist man Zeuge, wie der Körper die Schwerkraft besiegt.

Im dritten Teil begeisterten Vladimir Shishov und Elena Vostrotina (als Gast) in der Choreographie von William Forsythe und der Musik von Thom Willems. Als wäre der italienische Futurismus auf die Bühne projeziert worden.  Maschinenmenschen, die nach Berührung gieren. Ganz großes Ballett!

Passend dazu Rebecca Horner in ihrem bereits legendären Solo aus „Le Sacre“ in der Choreographie von John Neumeier.

Der rauschende Schlussbeifall galt jedem einzelnen der Mitwirkenden, dem ausgezeichneten Dirigenten Kevin Rhodes und vor allem dem Chef Manuel Legris.

 

 

 

 

Salzburger Pfingstfestspiele: „La Sylphide“ -Ballett des Mariinsky-Theaters, Petersburg

FürBallettkenner oder auch nur Liebhaber war die Aufführung eine herbe Enttäuschung. Das Petersburger Ballett des Mariinsky-Theaters brachte „La Sylphide“ in der ursprünglichen Fassung aus 1836, nach der Original-Choreografie von August Bournonville. Die Musik des unbekannten Komponisten Herman Severin Lovenskiold (1815-1870) war noch das Beste dieses Abends. Valery Ovsyanikov dirigierte brillant das Mozarteumorchester Salzburg. Nun muss ja nicht jedes Ballett in die Gegenwart und mit einer neuen Choreografie versetzt und getanzt werden. La Sylphide gilt ja als so eine Art „Urballett“ – als die Geburtsstunde einer abendfüllenden Ballettaufführung. Daher hat sich der Besucher auf ein anderes Bewegungs- und Tanzrepertoire einzustellen. Aber es ist halt doch auf die Dauer langweilig und füllt einen Abend nicht aus, wenn die Tänzer Gefühle – und die gibt es in diesem romantischen Ballett zu Hauf – zumeist nur durch Gestik ausdrücken. Da werden die allzu pathetischen  Armbwegungen wichtiger als der Tanz an sich. Zwar sind Kostüme (Irina Press) alle zur Zeit und dem Ort der Handlung (Schottland) passend, die Bühne (Vyacheslav Okunev) spiegelt Romantik pur wider – aber all das genügt heute nicht mehr. Die Handlung ist ein Mix aus Schwanensee und Giselle: Am Abend vor seiner Hochzeit schwebt dem Bräutigam James die Fee Sylphide in den Raum, bezaubert ihn, er vergisst Braut und Hochzeit, folgt ihr in den Wald, erhält von einer hinterlistigen Hexe einen vergifteten Schal, den er Sylphide zum Geschenk macht. Sie stirbt unter Qualen. Trauer und Wehmut am Ende.  Schade – die Tänzer konnten in dieser Choreografie nur einen winzigen Bruchteil ihres Könnens zeigen und hatten sichtlich Mühe mit dem Pathos der Gestik. Olesya Novikova war eine zierliche Sylphide, Philipp Stepin ein etwas biederer James, Igor Kolb eine Hexe aus dem Märchenbuch.

 

 

Der Feuervogel. Ballettabend in der Volksoper

Tänzer der Wiener Staatsoper und Volksoper stellten ihr Regietalent unter Beweis. Für das Publikum war gleich der 1. Teil „Petruschka“ nach der Musik von Stravinsky (Fassung 1947) eine Herausforderung. Eno Peci, allen Ballettfreunden als hervorragender Tänzer bekannt, zeichnete für die Choreographie und Dramaturgie (gemeinsam mit Pavol Juras) verantwortlich. Und er hatte den Mut, ein ganz neues Konzept auf die Bühne zu bringen. Man kann ruhig von einem Regietheaterballett sprechen. „Vor dem Hintergrund unserer gegenwärtigen WElt sehe ich eine Vielzahl von „Petruschkas“ – Menschen, die aus verschiedenen Gründen (sei es die Situation am Arbeitsplatz oder andere) unglücklich sind. “ (So Peci im Programmheft) Von dieser Prämisse ausgehend ist sein Petruschka ein Lehrer, der mit dem Beruf völlig überfordert ist, die Familie vernachlässigt und die Liebe zu seiner Frau verliert. Ein wenig ist man während der Szenen in der Schulklasse an Nestroys „Die schlimmen Buben in der Schule“ erinnert: Es wird gestritten, gerauft, mit Büchern und anderen Gegenständen umhergeworfen. Petruschka ist hilflos. Es nützt nichts, dass er auf die Tafel groß: Miteinander, Respekt und Liebe schreibt. Das Chaos ist unregulierbar. Gewalt bricht aus, als die junge Frau des Lehrers die Klasse betritt. Fast kommt es zur Vergewaltigung. Die Szene löst sich gespenstisch auf, als die Schuldirektorin die Klasse betritt. Tänzerisch großartig: Davide Dato als Lehrer, berührend Nina Tonoli als seine junge Frau und ganz hervorragend Rebecca Horner als Direktorin: halb Schlange, halb weiblicher Dämon – in einem fantastischem Kostüm (Pavol Juras). Nun könnte man einwenden, dass Peci hier alle nur möglichen Klischees bedient, die man so aus der Schuldiskussion kennt. Das ist wahr, aber zugleich bewahrheitet sich ein Satz: Alle Klischess sind in der Realität verankert.

Im Mittelteil des Abends „Movements to Stravinsky“ kann sich das Publikum an einem klassisch choreographierten Ballett erfreuen: András Lukács, Tänzer und Choreograph seit 1999, lieferte ein sehr innige, unaufgeregte Choreographie, in der 6 Paare ihr Können zeigen. Musik aus verschiedenen Werken Stravinskis.

Den Schluss bildete „Der Feuervogel“. Andrey Kaydanovskiy – seit 2015 Halbsolist der Staatsoper und erfahrener Choreograph – unterwarf das alte Märchen einer sehr eigenwilligen Neudeutung: Ivan (Masayu Kimoto) ist ein armer Student, der sich mit Hilfe des Alterego-Feuervogels (Davide Dato) in ein Einkaufszentrum einschleicht, den Besitzer (Mihail Sosnovschi) entmachtet, sich dessen Geliebte (Rebecca Horner) schnappt. Die Stärke dieser Choreographie liegt in den Massenszenen: Herrlich ironisch der Auftritt der Putzbrigade, der Verkäuferinnen und der Kunden. Alles in allem ein regielastiges Ballett mit vielen skurrilen und witzigen Einfällen.

Nicht unerwähnt darf das exzellente Dirigat von David Levi bleiben. Er brachte alle Nuancen der Musik Stravinskis zum Blühen.

www.volkoper.at

Mein Rat an alle zukünftigen Besucher: Unbedingt vorher das Programmheft lesen! Die drei Choreographen erläutern darin sehr klar ihre Ideen.

Weitere Termine: 11., 16., 21., 22., 23., 28. Mai, 2., 7. Juni 2017

 

La Wally. Volksoper Wien

Ein großartiger, atemberaubender Abend! Alfredo Catalanis Oper, bisher nicht allzu oft gespielt, wurde in der Volksoper vom Bühnenorchester der Wiener Staatsoper unter dem fast rauschhaften Dirigat von Marc Piollet und der subtilen Regie von Aron Stiehl erfolgreich auf die Bühne gebracht. Beeindruckend wurde Stiehl von dem Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann unterstützt, der mit seinen riesigen Schwarzweiß-Blöcken das bedrohliche Gebirge als auch die einengenden Mauern eines Gebirgsdorfes – in dem Fall Sölden – kitschfrei in Szene setzte. „Kitschfrei“ ist das richtige, zusammenfassende Wort für die gesamte Inszenierung, die nie auch nur in die Nähe eines Heimatdramas gerät. Von der Wally, wie wir sie aus verschiedenen Filmen kennen, ist diese Wally -hervorragend gespielt und gesungen von Kari Postma – meilenweit entfernt. Bis auf Vincent Schirrmacher, der mit der Rolle des Machojägers Hagenbach nicht so wirklich stimmlich und darstellerisch zu Rande kommt, sind alle anderen Rollen hervorragend besetzt: Eindrucksvoll, jung und berührend zart Beate Ritter in der Hosenrolle als Walter. Ihr Lied gleich zu Beginn nimmt den Tod Wallys schon vorweg. Kurt Rydl als Gutsherr und Vater Wallys ist ein brummiger, strenger Vater. Die schwierige Rolle des Gutsverwalters Stromminger, der Wally verzweifelt und hoffnungslos liebt, löst Morten Frank Larsen grandios. Interessant die aufgewertete Rolle des Infantristen, gesungen und gespielt von Daniel Ohlenschläger: Er begleitet als spiritus operae, als Tod, als Schicksal, als böser Geist, ähnlich einem Mesphisto, die Figuren und lenkt das Schicksal Wallys bis in den Tod. Regisseur Stiehl vermeidet den im Original verlangten Lawinentod, sondern lässt Wally in einer berührend gesungenen Liebesvision gemeinsam  mit Hagenbach in einen sanften Tod gehen. In einem ausführlichen Interview im Programmheft  erklärt Aron Stiehl die Notwendigkeit dieser Änderung.

Silvia Matras meint: Diese Aufführung gehört zu den besten der Volksoper in dieser Saison. Man sollte sie nicht versäumen!

Die nächsten Aufführungen: 20., 23. April, 4., 15., 17. Mai 2017 www.volksoper.at

 

„Onegin“ Ballett von John Cranko. Staatsoper. 4.März 2017

Es war, wie zu erwarten, ein bezaubernd-berauschender Abend. Dieses Handlungsballett nach dem Roman von Alexander Puschkin in der Choreographie von John Cranko hat ja seine Tücken. Besonders für die Figur des Onegin. Schon Shishov hatte damit seine Schwierigkeiten. Denn wie tanzt man einen gelangweilten Schnösel? Cranko operiert da mit allzu übertriebener Gestik. An diesem Abend war Eno Peci in dieser Rolle zu sehen. Auch  er hatte im 1. Akt  mit diesem Problem zu kämpfen. Herrlich gelangen ihm jedoch mit Maria Yakloveva als Tatjana die Traumszene und der Abschied. Hier stimmte die Choreographie und kommt ganz ohne weitausladende pantomimische Gestik aus. Fröhlich jung genießen Natascha Mair und Denys Cherevychko als Olga und Lenski ihre unbeschwerte Liebe. Mair, 2016 zur Solotänzerin avanciert, wird von Mal zu Mals besser. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie zwar perfekt die Chreographie abtanzte, aber die Verbindung mit dem inneren Charakter der Figuren vermissen ließ.

Guillermo Garcia Calvo ließ die Musik Tschaikowskis so ordentlich über die Bühne brausen, aber in der Traumszene führte er das Orchester mit großer Sensibiltiät. In der Abschiedsszene differenzierte er perfekt und ließ Anziehung und abrupte Ablehnung deutlich aufklingen.

Lang anhaltender Applaus!

www.wiener-staatsoper.at

Ballettabend/Wiener Staatsoper: „Le pavillon d’Armide“ und „Sacre“/ Premiere

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Foto: Wiener Staatsopernballett, Ashley Taylor

Mit diesem hervorragenden Ballettabend feierte John Neumeier seine  vierzigjährige Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper. Und es wurde ein gelungenes Fest! Wie immer, wenn John Neumaier für Choreographie, Bühnenbild, Kostüme und Lichtregie verantwortlich ist, entsteht ein Meisterwerk.Unter seiner Führung zeigte das  Staatsopernballett seine Fähigkeit zu extremen Leistungen, nicht nur tänzerisch, sondern auch darstellerisch. Denn Neumeier ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, wofür er Tänzer braucht, die mehr als nur Sprünge beherrschen.

Im „Pavillon d´Armide“ schlüpfte Mihail Sosnovschi in die Rolle des Tänzers Vaslaw Nijinsky – falsch – er war Nijinsky. Mit unwahrscheinlicher Intensität tanzte er den gebrochenen Tänzer, der nach seiner großen Karriere die letzten 30 Jahre seines Lebens im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen in der Schweiz verbrachte. In wahnhaften Visionen sieht er sich im Ballett „Le Pavillon d`Armide“ mit Anna Pawlowa (Nina Polatkowa) tanzen. Großartig gelingt es Neumeier, die beiden Zeitebenen ineinander zu verweben. Sosnovschi tanzt den kranken Nijinsky mit irrem, starrem Blick. Dazwischen leuchtet der begnadete Tänzer von einst auf. Das war ganz große Tanzkunst! Sosnovschi lässt die Frage nach Technik und Können hinter sich – weil das ja bei einem wirklichen Künstler, der in der Rolle, egal ob Sänger, Tänzer oder Schausspieler, drin ist, überhaupt nicht relevant ist. Unterstützt wurde er von Michael Boder, der die Musik von Nikolai Tscherepnin genüsslich fließen ließ.

Mit einer langen Stille begann der Ausschnitt aus „Sacre du printemps“. Neumeier ließ Paare wie Scherenschnitte langsam über die Bühne schreiten. Im Vordergrund liegt bereits das Opfer, die Leiche. Neumeier geht es nicht um die Geschichte des Rituals rund um ein Frühlingsopfer, sondern um die Vision des totalen Zusammenbruchs. Die Welt steht vor dem Untergang. Menschen werden von einer unbekannten Macht verschlungen, suchen Zuflucht miteinander und ineinander – großartig getanzte Kopulationsszenen, in denen die ganze Verzweiflung und die Suche nach Rettung im anderen herauszuspüren sind. Bilder, wie aus Kriegsfilmen, Menschenskulpturen, die an Rodins „Bürger von Calais“ erinnern. Am Schluss tanzt Rebecca Horner einen Untergangstanz, in dem Selbstzerstörung, Aggression und tiefe Verzweiflung förmlich stumm herausgeschrien werden. Ihr wurde übrigens nach der Aufführung der Titel „Solotänzerin“ verliehen.

Michael Boder dirigiert Strawinsky hart, fast ohne Erbarmen. Das Orchester der Wiener Staatsoper kann beides: Die sanfte Romantik von Tscherepnin und die Härte Strawinskys.

 

Ein Abend, der Geschichte schreiben wird.

 

Verdi, Il Trovatore. Staatsoper – 5.2.2017/ Première

Hinreißende Musik, Ohrwürmer, die man mitsingen möchte. Leider keine Sehwürmer – Sabine Gruber wird mir den Wortdiebstahl verzeihen, den ich aus ihrem Roman „Daldossi“ geliehen habe, Ich gebe ihn bald wieder zurück.

Die wirre Handlung ist ganz unwichtig. Wer jetzt wessen Sohn ist und wen die Zigeunerin Azucena ins Feuer geworfen hat, auch. Im Trovatore geht es um Stimmen, um Folklore, um heftige Musik, die manchmal so heftig laut  wird, dass Herz und Körper sich dagegen auflehenen. Aber durchstehen ist alles. Denn Anna Netrebko ist die Leonora. Und sie zieht die stimmlich guten, aber darstellerisch glanzlosen Kollegen und Kolleginnen wie eine nimmermüde Lokomotive durch das Geschehen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Buhrufe für das Team um Daniele Abbado (Regie) nicht noch stärker ausfielen. Denn man fragt sich, wann und wie hat er Regie geführt. Per Skype aus Mailand? Vielleicht kam die Anweisung: Es genügt, schön zu singen, sonst braucht ihr gar nichts zu tun. Nun, das Singen allein ist wahrlich anstrengend, und man merkt es allen an – auch Netrebko. Aber heutzutage gehört zu einem Opernerfolg auch eine gelungene Inszenierung dazu. Und das ist diese wahrlich nicht. Ein langweiliges Bühnenbild (Graziano Gregori), schlechte Lichtführung (Alessando Carletti)  und absolut hässliche Kostüme (Carla Teti). Wenn wiederum die faschistischen Militärs in typischen Uniformen und Stiefeln, Gewehre und Kanonen und eine Marienstatue schleppend über die Bühne ziehen, dann fragt man sich: Wie oft habe ich diese Szenerie schon gesehen?

Fazit: Gute Stimmen, keine Personenführung, einfallsloses Bühnenbild.

Bellini, La Sonnambula. Wiener Staatsoper

Stimmt gar nicht, dass Freitag der Dreizehnte ein Unglückstag ist. Für die Staatsoper jedenfalls nicht. Denn Juan Diego Florez hatte Geburtstag und sang den Elvio – ja wie? er singt ja immer toll – also sagen wir exzellent, schmetterte das hohe C so leicht heraus, als wäre er im Badezimmer. Dazu die Musik Bellinis – gut dirigiert von Guillermo Calvo – und das einnehmende Bühnenbild von Marco Arturo Marelli (Regie,, Bühne und Licht) – also was will man mehr!!! Die liebende Schlafwandlerin war Daniela Fally. Sie ist stimmlich bis auf ein paar scharfe Töne ganz gut, aber in den Schlafwandlerszenen zu real. Ihr fehlt in der Stimme, im Spiel das Magische, Verträumte, wie es die Callas oder die Netrebko in der Arie Ah non credea mirarti hatten.. Fally war einfach ein braves Mädchen, sehr verliebt, träumt von der Hochzeit mit Elvio. Florez als Elvio war stimmlich wie schon gesagt auf der vollen Höhe – ist er eigentlich immer. Aber den schwierigen Charakter dieses Elvio – krankhaft eifersüchtig, Macho, Muttersöhnchen – all das lag ihm nicht besonders. Vielleicht auch deswegen, weil er mit dummen Menschen nichts am Hut haben will. Gut auch Luca Pisaroni als Conte Rodolfo und Maria Nazarova als Lisa.

25 Minuten Applaus, standing ovations und: Wir alle im Publikum sangen aus voller Kehle: Happy Birthday, dear Diego!

 

Cendrillon (Aschenputtel), Ballett in der Wiener Volksoper

Musik: Sergej Prokofjew. Choreographie: Thierry Malandin.

In einer Art riesigen Schuhschachtel – an den Wänden sind sicher mehr als zweihundert Schuhe aufgespießt – tanzt das Aschenputtel( Cendrillon) aus der Asche in den Himmel ihres Prinzen. So könnte man kurz diesen Ballettabend zusammenfassen. Aber das würde der intelligenten und witzigen Choreographie von Malandin nicht gerecht werden. Das Wichtigste an diesen Abend ist nicht das Aschenputtel – brav getanzt, aber ohne Ausstrahlung: Mila Schmidt –  auch nicht der Prinz -Andrés Garcia Torres. Der hat zwar schöne Sprünge und Pirouetten zu bieten, aber ihm fehlt das gewisse Etwas, das ihn begehrenswert macht. Der eigentliche Motor des Abends sind das Trio Infernal, die Stiefmutter und ihre beiden Töchter. Genial getanzt von drei Männern: Die Mutter – herrlich böse, oft auf Krücken drohend sich auf der Bühne umherschwingend: László Benedek. Urkomisch und immer daneben in den devoten Bemühungen um den Prinzen: Samuel Colombet als Javotte und Keisuke Nejime als Anastasie. Die drei mischen den Abend zu einer humorvollen Show auf. Immer, wenn sie antanzen, darf gelacht werden – wenn etwa die beiden Töchter bei einem Tanzlehrer – sehr gut in dieser Rolle: Gleb Shilov – für den Ball Tanzunterricht an der Stange nehmen.  Oder die Ballszenen, wo sie  um die Aufmerksamkeit des Prinzen buhlen. Was wäre das Gute (Prinz und Aschenputtel) ohne das Böse! Nicht nur auf der Bühne!Malandin inszeniert das Böse in den Mittelpunkt des Geschenes hinein, wissend, dass die Szenen mit den Elfen, der Fee, dem Aschenputtel und dem Prinzen allein nicht unbedingt faszinieren, obwohl die Musik unter dem Dirigenten Guillermo Garcia Calvo auch da bezaubert. Alles in allem eine gelungene Aufführung, gerade deswegen, weil dieses Märchenballett ohne Kitschszenen auskommt.

Die nächsten Termine: 16. 22. 26 und 29. Jänner 2017. www.volksoper.at

Hilary Hahn und das Orchestre Philharmonique de Radio France unter Mikko Franck im Wiener Konzerthaus

Natürlich waren alle, wirklich alle gekommen, um Hilary Hahn zu hören. Sie tourt gerade mit Max Bruchs Violinkonzert durch Europa. Eine Musik, von der sie selbst sagt,“ dass sie einem fast das Herz brechen kann und zugleich wie Rock’n Roll klingt, wenn es schneller wird.“ Und so klang es denn wirklich.

Aber zuerst war Maurice Ravels Ballettmusik „Ma mère l´’oye“ (Meine Mutter Gans) zu hören, fünf Kinderstücke, die Ravel für die Kinder des befreundeten Ehepaares Godebski komponierte. Unter dem superben Dirigat von Mikko Franck wurde es ein leichter, märchenhafter Anfang. Da trippelten lautmalend chinesische Hofdamen, flatterten Vögel durch die Konzertluft und flogen Feen an uns vorbei.

Dann trat Hilary Hahn auf. -Obwohl: Sie „tritt nicht auf“. So sagt man zu jemandem, der Starallüren hat. Davon ist die beschiedene, unaufgeregte Hilary Hahn weit entfernt. Schon die ersten Noten, die wir alle gut kennen, schwebten zart durch den Raum, so als wären sie gerade aus ihr geboren. Und plötzlich dann wird Bruch zum „Rock’n Roll Composer“. Dieser schnelle Wechsel, zwischen kraftvoll fordernd und zärtlich romantisch, ist Hilarys Stärke. Sie entstaubte das allzu oft gehörte und bis zum Abwinken ins romantische Gedusel abtriftende Konzert Max Bruchs und ließ es uns neu hören. Von dem Orchester und dem Dirigenten Mikko Franck wurde sie perfekt unterstützt. Lang anhaltender Applaus und begeisterte Bravorufe!

Nach der Pause hörten wir Jean Sibelius, Sympjonie  Nr.2. Da war der geborene Finne Mikko Franck in seinem Element. Sibelius schrieb die Symphonie während eines friedvollen Aufenthaltes an der ligurischen Küste 1901. Der Beginn klingt fast bukolisch. Alles ist hell,nur ein leises Grollen der Trommeln, doch im ersten SAtz siegen die Streicher. Im 2. Satz droht Unheil, bis die Streicher triumphal wieder Frieden bringen. Alles strebt dem emphatischen Schlusssatz zu. Da fordert Mikko Franck vom Orchester alles ab. Aus dem anfänglichen Aufruhr steigen die Bläser siegend empor und bringen kurz pastoralen Frieden. Am Ende steigert Franck die Musik zu einem prunkvollen Sieg, zu einer Apotheose. Wegen dieser siegreichen Coda feierte die Symphonie in der Heimat Triumphe und wurde fast wie eine Nationalhymne aufgenommen.

Das Publikum feierte Orchester und Dirigent mit anhaltendem Applaus.

Wiener Staatsopernballett: Balanchine, Liang, Proietto. 2.11. 2016

Georges Bizet: Symphonie in C

Die  Choreografie von Balanchine ist eine Hommage an das klassische Ballett. Vor einem klaren blauen Hintergrund tanzen die Tänzerinnen in weißem Tüllröckchen und die Männer in Schwarz. Jeder der 4 Sätze wird von einem anderen Solistenpaar,  anderen Solopaaren und dem Ensemble  getanzt. Im ersten Satz „Allegro vivo“ tanzen Natascha Mair und Jakob Feyferlik einen harmonischen Pas de deux. Auffallend ist die Sprungkraft des jungen Feyferlik!

Im 2. Satz „Adagio“ konnten wir endlich nach langer Absenz (wegen Knöchelverletzung) Vladimir Shishov erleben. Seine Bühnenpräsenz ist in diesem Part mit Nina Polakova so stark, dass man wie gebannt der Eleganz seiner Bewegungen zusieht, obwohl er keine atemberaubende Sprünge – wie sonst – vorzeigt. Aber wie er Polakova mit der Sinnlichkeit eines wissenden und in der Rolle sicheren Tänzers durchträgt, das zeugt von ganz großer Klasse.

3. Satz „Allegro vivace“: Hier wird Freude am Tanz geboten, die sich im 4. Satz zu einem zu einem furiosen Abschluss steigert.

 

„Murmuration“ in der Choreografie von Edwaard Liang zu Ezio Bossos Violinkonzert.(Violine: Albena Danailova)

Murmuration bezeichnet die verschiedenen Fromationen der Stare, wenn sie im Winter in den Süden ziehen. Doch man kann auch, wenn man will, darin die Formationen der Menschen in einer Großstadt sehen, die einander begegnen und wieder auseinander triften. Wie auch immer – Musik, Tänzer und die Choreografie führen in eine Art Trance, aus der man nur schwer in die Realität zurückkehren will. Was Roman Lazik in seinen Soloparts und mit Nina Polakova im pas de deux an Traumsentenzen auf die Bühne zaubert,  ist wohl unvergesslich.

Am Schluss die in den Medien mit großen Vorschusslorbeeren überschüttete Uraufführung: „Blanc“ nach der Musik von Mikael Karlsson und Chopin, Prélude und Klavierkonzert Nr.1.

Der Choreograf Daniel Proietto beauftragte den jungen norwegischen Tänzer, Autor und Choreograf Alan Lucien Oyen zu diesem Ballett einen Text zu schreiben. Der Schauspieler Laurence Rupp spricht diesen Text und mischt sich auch unter die Tänzer. Die große Crux ist nun gerade der Text – ein Lamento eines Dichters, der Schreibhemmungen hat – das weiße Blatt Papier (Titel) füllt sich nicht und nicht mit Worten. Im wehleidigen bis pathetischen Ton vorgetragen wirkt der Text eher peinlich, am Rande des Kitsches. Vor allem gelingt Proietto keine wirklich einsichtige Verknüpfung mit dem tänzerischen Geschehen. Ja, man versteht schon, der arme Poet sucht unter den Grazien seine Muse, was aber für eine innige Anbindung an das eigntliche Ballettgeschehen nicht genügt. Und etwas verärgert denkt man: Wenn der einfallslose Poet nichts zu sagen hat, dann soll er doch schweigen.  Doch die Bilder, die Daniel Proietto durch seine romantisch-zärtliche Choregrafie entwirft, machen alles wieder gut.

Während die beiden ersten Teile des Ballettabends vom Publikum begeistert aufgenommen wurden, war der Applaus nach „Blanc“ ziemlich kühl. Nicht unerwähnt soll das kluge und einfühlsame Dirigat von Faycal Karoui bleiben.

Weitere Aufführungstermine: 5. und 18. November. Eine Aufführung, die man nicht verpassen sollte!

 

Don Pasquale, Wiener Staatsoper, 31.11.2016

Freude am Spielen, am Ulk ohne Peinlichkeit, flotte Musik – so kann man den Abend zusammenfassen. Unter dem facettenreichen Dirigat von Frédéric Chaslin, in der bekannten Inszenierung von Irina Brook und auf  der bewusst kitschigen Bühne scherzten Michele Pertusi als Don Pasquale – ein schauspielender Sänger durch und durch – und Alessio Arduini als Malatesta, der Pertusis ebenbürtiger Gegenspieler war. Valentina Nafornita war eine entzückende freche Norina. Einzig Dimitry Korchak als Ernesto stimmte mich ein wenig traurig, da ich an die brillant-ironische Darstellung von Juan Diego Florez dachte. Aber trotz allem legte Korchak eine brave Leistung hin. Ihm fehlen halt das spielerische Talent und die starke Bühnenpräsenz eines Florez.

Salzburger Festspiele: Charles Gounod: Faust

„Rien“ steht in großen Lettern über dem Bühnenbild. Und mehr ist zu dieser Musicalinszenerung von Renhard von der Thannen auch nicht zu sagen. Gute Sänger (Beczala als Faust, Agresta als Marguerite und Ildar Abdrazakov als etwas langweiliger Mephisto).

Salzburger Festspiele: Don Giovanni

Obwohl ich diese Inszenierung schon vor zwei Jahren sah, war ich auch dieses Mal begeistert, als sähe ich sie zum ersten Mal. Einen besseren Don Giovanni als Ildebrando D’Arcangelo gibt es zur Zeit nicht. Mit unglaublicher Bühnenpräsenz und einer Stimme, die wohl am Höhepunkt ist, singt, spielt und ist er ganz einfach Don Giovanni. Einer, der das Leben und die Frauen genießt, sich aus allen schwierigen Lagen herauswindet. Einmal zärtlich, berückend, dann wieder brutal. Luca Pisaroni ist der ideale Leporello: ängstlich, unterwürfig, schlau – eben wie ein Diener Don Giovannsís sein muss. Die beiden verwandeln die Tragödie in eine „Boulevardtragödie“ .Das liegt auch an der tollen Regie und Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf. Er führt die Figuren mit einem Augenzwinkern. Deshalb darf Don Giovanni auch nicht endgültig tot sein. Sondern springt aus der Totenstarre auf und hastet dem nächsten Frauenkittel nach.
Apropos Frauen: Reizend und stimmlich auf der Höhe ist Valentina Nafornitsa als Zerlina, über die anderen Frauenrollen darf geschwiegen werden.
Begeisterter Applaus!

Marie Antoinette. Ballett an der Volksoper.

Aufführung am 23. Mai 2016

In der Neufassung von Patrick de Bana. Diesmal Natascha Mair als Marie Antoinette. Sie tanzt die Rolle als die Jugendliche, das Mädchen, das in diese Ehe von Maria Theresia hineinpolitisiert wird und sich am französischen Hof recht munter zurecht findet, da und dort flirtet und erst im Gefängnis und knapp vor dem Tod durch die Guillotine die Tragik ihres Lebens erfasst. Ein interessanter Vergleich zur Rollenauffassung von Olga Esina, die Marie Antoinette von Beginn an mit einem Hauch von Tragik tanzt.
Interessant übrigens, dass Marie Antoinette und Elisabeth, die Schwester von Ludwig XVI., als einzige in Spitzenschuhen tanzen, was ihre besondere gesellschaftliche Rolle hervorheben soll.
In einem wunderbaren Rahmen aus reflektierenden dunklen Glaswänden (Bühnenbild Alberto Esteban und Area Efimeros) tanzt die Wiener Hofgesellschaft. Marie Antoinette wird von ihrer Mutter -großartig Laura Nistor, die in dieser Rolle debütiert und ihrer Kollegin Rebecca Horner, die diese Rolle ebenfalls tanzt, in Nichts nachsteht – an den jungen Ludwig verheiratet. Mit immer dabei – mit Argusaugen wachend: Maria Theresia. Wie de Bana Maria Theresia als spinnenartige Beobachterin und Sittenwächterin ihrer Tochter sieht, ist neu, verstörend und sehr spannend.
Zunächst ist das Leben für Marie Antoinette am Hof von Ludwig XVI. heiter und unbeschwert- die Kostüme von Agnes Letestu drücken das gut aus – bis die ersten Revolutionsanzeichen in die Hofgesellschaft flattern. Im 2. Akt bricht die ganze Wucht der Revolution über das Paar und den Hof herein – hervorragend choreographiert – und Ludwig wird zur Guillotine geführt. Zurück bleibt Marie Antoinette in Isolation und Verzweiflung. Knapp vor ihrem Tod glaubt sie sich mit Ludwig und Elisabeth vereint, doch das Schicksal führt auch sie zur Guillotine.
Als packende Figuren führt de Bana „das Schicksal“ und den „Schatten der Marie Antoinette“ ein. Sie tanzen zur rasenden Musik von Carlos Pino-Quintana (Auftragskomposition) den Tod, der Marie Antoinette vom Anfang an bedroht. Francesco Costa und Nikisha Fogo brillieren in diesen schweren Rollen.
Noch ein Wort zur Musik: Sie kommt aus der Konserve und ist ein gut zusammengestellter Mix von Rameau bis Mozart und anderen Komponisten, die zu dieser Epoche passen.

„Bella Ciao“. Italienisches Folk Revival im Wiener Konzerthaus

Che serata meravigliosa, splendida! Erinnerungen steigen auf an Feste auf der Piazza des Dorfes, wo gesungen und getanzt wurde. Eben genau diese Volkslieder, die teilweise uralte Lieder des Widerstandes gegen die „padroni“, die „preti“, die „capi“ (Aufseher) und die „gromiri“ (Streikbrecher) waren, Lieder der Sehnsucht der nach Amerika Ausgewanderten nach ihrer Heimat, aber auch heitere Lieder an die Angebetete, freche Lieder an diverse künstliche Schönheiten, die falsche Brüste, Haare, Zähne etc. in der Hochzeitsnacht ablegen. Auf dieses Lied habe ich gewartet, kam aber leider nicht. Vielleicht, weil die Gruppe fürchtete, so manche Lady im Publikum zu erbosen!
Also die Gruppe: drei fantastische Sängerinnen, mit dem richtigen Timbre für diese Art von Musik- heiser, gebrochen, nur manchmal einer heller Glockengesang: Lucilla Galeazzi, Elena Ledda, Ginevra di Marco – und Allesio Lega als männliche Stimmme. Riccardo Tesi gab mit seinem Knopfakkordeon den notwendigen nostalgischen Ton an, Gigi Biolcati legte mit seiner Percussion einen Hauch von Moderne über die Lieder.
Den Auftakt machten sie mit der langsamen Version von Bella Ciao. Frauen ziehen zur Reisernte. Danach die Partisanenversion. Dass dieses Lied 1964 einen handfesten Skandal beim Festival „Dua Mindi“ in Spoleto entfachte, ist verständlich. Denn bis heute hat es seine rebellische Gültigkeit nicht verloren. Tief melancholisch das Lied über das harte, bittere Leben in der Maremma (westlicher Teil der Toscana), wo die Hirten den Großteil des Jahres fern von der Familie bei den Tieren leben mussten. „Maledetta Maremma“, aber dennoch Heimat, die geliebt wird.
Maledetta ist auch die Stadt Gorizia, wo viele Italiener ihr Leben für einen unsinnigen Krieg lassen mussten. Eine deutliche Offensive an das Militär! Berührend auch der Gesang der Frauen, die beschließen, dem Papst ihr Elend zu klagen. Dass es nichts nützen wird, ahnen sie.
Gegen Ende des Abends wurden die Lieder heiterer, das Publikum klatschte begeistert mit. Drei Zugaben – und wir alle tobten vor Begeisterung!!!

Tosca an der Wiener Staatsoper

Wahrscheinlich geht der 9. April 2016 in die Annalen der Wiener Operngeschichte ein! Denn da stimmte bis auf das Bühnenbild aus uralten Zeiten (aber besser ein so verstaubt-konservatives als eine leere Bühne mit Sesseln) alles: Angela Gheorghiu als Tosca verwandelte sich von der kokettierenden, eifersüchtigen Schönen zur wütenden Frau, die sich nur durch einen Mord vor dem gefährlichen Tyrannen Scarpia retten kann. Bryn Terfel als gierig-grausamer Scarpia war von der Figur und der Stimme her ein idealer Teufel. Allerdings für meinen Geschmack zu wenig bedrohlich in der Darstellung. Glanzpunkt des Abends war jedoch Jonas Kaufmann. Seinetwegen war ja die Oper brechend voll. Alle waren wir gespannt, wie er nach fast dreimonatiger Bühnenabsenz singen wird. Ergebnis: Er ist im Spiel sicherer, steigt tief in die Tiefen dieser Rolle hinein, spielt nicht aufgesetzt und einstudiert, sondern ist in der Rolle drinnen. Seine Stimme ist durch die Pause wärmer, sicherer geworden. Und als er ganz leise, in sich und in seinen Erinnerungen versunken „E luvevan le stelle“ begann, da schuf er ein inneres Bühnenbild, eine innere Rückschau auf seine Liebe zu Tosca. Ich vergaß, dass es Oper war, ich sah nicht mehr das öde Bühnenbild, ich war verzaubert. Leider brauste ein tosender Applaus auf, noch bevor der letzte Ton ganz verklungen war, und riss mich brutal in die Wirklichkeit zurück. Eigentlich hätten ein paar Sekunden totale Stille auf diese Arie besser gepasst. Doch das Publikum tobte so lange, bis Kaufmann staunend und leise lächelnd zum Dacapo ansetzte.
Ein über 20 Minuten anhaltender Schlussapplaus schloss alle Beteiligten ein, auch den Dirigenten Mikko Franck, der nach dem ersten Akt noch einige Buhrufe einstecken musste.

Le Corsaire. Ballett. Wiener Staatsoper

Manuel Legris weiß um die Publikumswirksamkeit des Handlungsballetts. Vielleicht ist die Zeit reif, und man hat sich an den abstrakten Tanzperformances schon ein wenig satt gesehen. Im „Corsaire“ ist Legris für Musikauswahl (Adolphe Adam u.a.) und die Choreografie zuständig. Luisa Spinelli liefert dazu farbenprächtige Kostüme und zauberhafte Tableaus. Insgesamt eine opulente, sehr unterhaltsame Aufführung.
Dass Vladimir Shishov verletzungsbedingt ausfiel, war für seine Fans – zu ihnen zähle auch ich mich – natürlich schade. Aber Robert Gabdullin war ein würdiger Ersatz als Corsaire. Nicht nur sprungsicher, sondern auch einfühlsam im Pas de deux mit Liudmilla Konovalova als Medora. Der Abed gehörte aber Mihail Sosnovschi als durchtriebener Sklavenhändler Lanquedem. Wie er die schöne Gulnare – getanzt von der zauberhaften Kiyoka Hashimoto – dem gelangweilten Seyd Pascha als Sklavin anbietet – das tut fast körperlich weh. Wie eine Schale – wenn auch kostbar – legt er sie kriecherisch dem Pascha zu Füßen. Hart, klar und unbeugsam. Lanquedem tanzt den Part des Mannes, dem Frauen nur Waren sind, so intensiv, dass man nicht unberührt bleiben kann. Überhaupt ist das Thema des Balletts ziemlich eingängig: Frauen sind Ware, müssen schön sein, sonst sind sie nichts wert. Das schreibe ich jetzt nicht als Emanze – das bin ich sicher nicht, sondern als weibliche Zuschauerin.
Legris hält die Spannung zwei Akte lang gut durch. Im dritten jedoch strapaziert er die Geduld der Zuseher über die Maßen, wenn er von den Kleinsten der Ballettschule bis hin zu allen Halbsolistinnen alle einen Blumentanz aufführen lässt, der gerade nur als Referenz an die Ballettelevinnen gelten kann. Die Länge macht den Schluss zunichte.
Ein Wort noch zum Dirigat: Valery Ovsianikov atmet mit den Tänzerinnen und Tänzern. Sein aufmerksamer Blick gilt ihnen. Dadurch bewirkt er eine hörbare Einheit zwischen Tanz und Musik.
Lang anhaltender Applaus.

Il re pastore, Konzerthaus Wien

Zu einem netten Gschichterl hat der 19jährige Mozart eine künstlerisch reife Musik komponiert,um ERzherzog Maximilian, einen Sohn Maria Theresias, gebührend zu feiern. Wenn es darum geht, einen hohen Gast als weisen und gütigen Herrscher auf die Bühne zu bringen, dann muss oft Alexander der Große herhalten. Dieser installiert den Hirten Aminta als rechtmäßigen König, verpasst ihm gleich dazu eine Gattin. Doch wie das so ist, liebt Aminta eine andere, nämlich Elisa, und willigt recht wenig begeistert in eine Ehe mit der Prinzessin Tamili ein. Die ist auch nicht von diesem Arrangement begeistert, liebt sie doch Agenore. Als Alexander erkennt, was er da angerichtet hat, kehrt er den einsichtigen, gütigen und weisen Herrscher hervor und lässt die richtigen Paare zusammenkommen.
Der Abend begann mit Bangen, denn Rolando Villazon, der ja das Zugpferd des Abends und des Kartenverkaufs war, ließ sich ansagen. Aber wir alle, die gekommen sind, um ihn endlich auch einmal in Wien zu hören – der Direktor der Wiener Staatsoper scheint ja den Bannfluch über diesen so beliebten Sänger verhängt zu haben – waren dennoch von seiner Bühnenpräsenz begeistert. Denn wie so oft, wenn Villazon mit einer Infektion kämpft und dennoch auftritt, macht er eventuelle Stimmprobleme mit komödiantischem Einsatz wett. So auch an diesem Abend. Sein Schmelz in der Stimme war dennoch zu hören, wenn auch einige Male die Stimme nicht so recht gehorchen wollte. In seiner Rolle als Alexander spielte er eher einen kumpelhaften Herrscher. Als besonderen Gag des Abends trat er mit einer Schüssel Weintrauben auf, die er während seines Auftritts an seine Mitsänger-Innen und an die Damen im Publikum verteilte. So sorgte er für Schmunzeln und Lachen und gerne vergaß oder überhörte man eventuelle Stimmschwächen. Das Publikum liebte ihn und dankte ihm mit Blumensträußen, die er -wie so oft -vor den Augen der Spenderinnen gleich zerpflückte und an seine Truppe weitergab.A propos Truppe. Die war vom Feinsten! Allen voran Martina Janková als Hirte Aminta und späterer König. Bezaubernd auch Regula Mühlmann als seine Geliebte. Les Arts Florissants wurde von William Christie einfühlsam dirigiert.

Es war der dritte Abend in der Reihe „Great Voices im Konzerthaus“.
Weitere: Angela Gheorghiu am 25.5. und Beczala & Sonya Yoncheva am 19.6. 2016.
Infos:www.greatvoices.at und www.konzerthaus.at

Andrea Eckert: Zum Weinen schön, zum Lachen bitter. Theater Akzent

Wie der Titel verspricht: Es war ein Abend zum Be- und Nachdenken, ein Abend zum Schmunzeln und zum Lachen. Selten sah man Andrea Eckert so witzig, komisch und gleich darauf verzweifelt, bis in die Seele betrübt und verstört. Sie brachte Lieder und Texte von jüdischen Autoren, die entweder vor den Nazis ins Ausland flüchteten oder im KZ umkamen. Ohne Bitternis, ohne Vorwürfe. Die Sehnsucht der ins Ausland Geflüchteten hörte man, die unbeugsame Freude am Leben, den hinterlistigen jüdischen Witz. In den komischen Szenen spürte man deutlich, wie das Publikum begeistert mitging. Etwa im bekannten Song „Benjamin, ich hab nichts anzuziehen“ oder in dem bezaubernden Lied über eine Kleptomanin „Schatz, ich kann nicht sehen, wenn wo was steht..“
Zusammen mit André Heller stellte sie das Programm zusammen, einfühlsam am Klavier begleitet von Benjamin Schatz.
Mit drei Zugaben, unter anderem mit dem Wienerlied „Mei Muatterl war a Weanerin“, das ihr Frederic Morton bei jedem New York-Besuch mit Tränen in den Augen vorspielte, wie sie erzählt, begeisterte sie das Publikum total.

Am 7.8.9.14.22.23. April wird Andrea Eckert im Metro Kino in Wien wieder in ihrer legendären Rolle als Callas in „Meisterklasse“ zu sehen sein. .
Weitere Infos: www.andrea-eckert.com
Programminfo Theater Akzent: www.akzent.at

La Traviata in der Volksoper

Diese Traviata muss man gesehen, gehört und erlebt – mitgelebt haben! Nicht nach, sondern neben Netrebko ist Rebecca Nelsen die beste Violetta weit und breit am Opernhimmel. Ihr Stimme, ihre Darstellung reißen mit. Da kann niemand unberührt bleiben. Klug und einfühlsam wird sie von der Regie und dem Bühnenbild (Hans Gratzer) und einer subtilen Lichtführung (Frank Sobotta) unterstützt.
Schon vor Beginn der Oper sehen wir sie in einem leeren Raum auf dem Krankenbett liegen. Regungslos. Nur einmal hebt sie sehnsuchtsvoll die Arme nach einer Kindfigur mit Ball (Tod? – Leben? -ihre Kindheit?). Fast immer ist die an sich leere Bühne durch einen grauen, sehr transparenten Vorhang geteilt. Davor leidet, liebt und stirbt Violetta in totaler Einsamkeit, isoliert auch in der Liebe und erst recht im Tod. Hinter dem Vorhang ist die Welt, die Gesellschaft. Alfredo, gesungen von dem Koreaner JunHo You, agiert nur selten mit Violetta gemeinsam vor diesem Schleier. Meist lässt der Regisseur ihn dahinter singen. Selbst während der Liebes- und Sterbeszene bleibt Violetta allein an der vorderen Bühne. Alfredo steht statuenhaft hinter dem Schleier. So werden ihre abgrundtiefe Einsamkeit und Verzweiflung auch szenisch klar gezeigt. Rebecca Nelsens Gesang und Spiel ist außerdem derartig stark, dass JunHo nur schwer neben ihr bestehen kann. Denn darstellerisch ist von dem Koreaner nicht viel zu erwarten. Wenn auch seine Stimme im Laufe des Abends immer überzeugender wirkt, bleibt er neben der glutvollen Violetta ein steifer Stock. So ist es gut, wenn er hinter dem Schleier singt und agiert. Fast hat es den Anschein, als wollte der Regisseur dem Alfredo eine gewisse Distanz einschreiben.
Großartig gelingen die Massenszenen. Immer wieder mischt sich in die feiernde Gesellschaft eine Gruppe von Figuren wie aus der Comemedia dell‘ arte. Alle tragen weiße Totenmasken und tanzen einen makabren Veits- oder Totentanz. Einfallsreich und beeindruckend gelingen auch die Szenen mit den Zigeunerinnen und die Parodie auf die Liebe des Torerors zu seiner Angebeteten. Nicht unerwähnt soll Ales Jenis als Vater Germont bleiben. Er ist zuerst ein rigoroser Patriarch und am Ende ein zutiefst Bereuender. Unter dem erfahrenen Dirigenten Alfred Eschwé erklingt Verdis Musik wie neu gehört. Und das, obwohl es die 133. Vorstellung war!
Die ganze Inszenierung ist einem eingängigen, klugen Konzept unterworfen, das da heißt: Diese Violetta ist vom Anfang an dem Tod anheim gestellt. Und nichts, weder die schalen Freuden der Gesellschaft, noch die Liebe kann sie retten.
Begeisterter Applaus des Publikums.
Silvia Matras empfiehlt diese Inszenierung sehr!!

Onegin. Ballett, Choreografie John Cranko. Wiener Staatsoper

Kurz und bündig: Es war ein großartiger Abend! Die Leistungen der Tänzer durchwegs beeindruckend und in manchen Szenen auch sehr berührend.
Ein transparenter Vorhang mit dem Porträt Puschkins, auf dessen Versroman die Geschichte basiert, lässt den Blick auf eine heitere Gesellschaft frei, die sich unter hohen Birken tänzerisch vergnügt. Besonders glücklich und frühlingseuphorisch ist das Paar Olga – ganz bezaubernd und jugendlich frisch von Natascha Mair getanzt – und Lenski (sehr überzeugend Davide Dato). Der Gesellschaft ausweichend und in ein Buch vertieft sitzt Tatjana – Ketevan Papava – und träumt von Eugen Onegin (Wladimr Shishov). Dieses Paar in seiner ganzen Tragik und Intensität kann nicht besser getanzt und gespielt sein – ja, auch den Balletttänzern verlangt man schauspielerische Fähigkeiten ab -als von diesen beiden. Vielleicht gelingt der sehr schwierige Anfang etwas zu stark akzentuiert: Onegin als eitler Langeweiler, den die Gesellschaft und Tatjana anöden, stolziert zu betont gelangweilt über die Bühne. Aber da ist zu bedenken, dass für Langeweile kein geeignetes Tanzrepertoire zur Verfügung steht. Der Eindruck löst sich sofort, als die beiden in der Traumsequenz ihre Liebe zueinander entdecken. Aber eben nur im Traum. Das bittere Erwachen bleibt Tatjana nicht erspart, als Onegin ihren Liebesbrief vor ihren Augen zerreißt. Die heitere Gesellschaft wird durch die Duellforderung Lenskis in alle Winde zerstreut. Berührend ist Davide Datos Solo vor dem Duell – die Zweifel und die Verzweiflung setzt er in eine fast träumerische Tanzsequenz um.
Zehn Jahre später: Tatjana hat Fürst Gremin (mit der nötigen Würde von Kirill Kourlaev gestaltet) geheiratet. Das Wiedersehen zwischen Onegin und Tatjana explodiert in einem zwischen Ablehnung und Hingabe getanzten Pas de deux. Intensiver ist es wohl nicht möglich. Atemlosigkeit im Publikum, dann tosender Applaus.
Immer wieder beweist sich die Stärke eines Handlungsballetts. Trotz ziemlich verstaubter Kulissen zieht die Choreografie John Crankos aus dem Jahre 1965 das Publikum tief in das äußere und seelische Geschehen hinein. Der Großmeister des Handlungsballetts wusste, wie er sein Publikum faszinieren konnte.Die Musik stellte Kurt-Heinz Stolze aus verschiedenen Werken Tschaikowskis zusammen. So entstand ein stimmiges Werk, das bis heute unverändert das Publikum begeistert.